Ich habe mich bisher hauptsächlich als Malerin gesehen. Fotografie war für mich wie ein Skizzenbuch, um Motivvorlagen für die Kunst zu sammeln.
In meiner neue Werkreihe „Abundance“ (Deutsch: „Überfluss“) hat sich dies geändert. Ich zeige Fotografie als eigenständige Werke.
Der Titel ist Programm. Es geht um kreativen Überfluss und die Lust an intensiven Farben, in die man geradezu eintauchen kann. Die Motive entstanden durch Experiment und das bewusste Loslassen eines geplanten Ergebnisses: Pastose Acrylfarbe wurde mit einer Spritztüte auf eine kleine weiße Malpappe aufgetragen und anschließend mit einer Gabel bearbeitet. Die noch feuchte und satt leuchtende Farbe wurde direkt mit dem Handy fotografiert.
Ursprünglich hatte ich geplant, alle Fotografien als Malvorlagen zu nutzen und in Acryl umzusetzen. Doch ich stieß schnell auf ein Problem: Die Motive waren bereits „fertig“.
Normalerweise arbeite ich mit Schnappschüssen, denen ich etwas hinzufügen kann – bei denen ich Atmosphäre verdichte, Spannung erzeuge, Emotionen herausarbeite. Doch diesen Motiven war praktisch nichts hinzuzufügen.
Dennoch habe ich zwei der Motive über Monate hinweg gemalt. Nicht, um das Foto zu kopieren, sondern aus dem Bedürfnis heraus, in diese Farbwelten einzutauchen. Um sie genau zu studieren. Und um zu sehen, welche Räume sich öffnen, wenn mein gewohnter Ansatz nicht greift.
Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Malerei und Fotografie ist die Zeit.
In der Malerei ist sie greifbar – ebenso wie meine Persönlichkeit. Die Malerei trägt mehr Tiefe, mehr Energie, mehr Reibung in sich. Es gibt Freude, Frustration, handwerkliche und technische Entscheidungen sowie Grenzen. Stellen, die man noch überarbeiten könnte. Und solche, die bewusst brüchig bleiben müssen, damit das Bild lebendig bleibt. Es geht um Balance: Wo ist Präzision notwendig, wo wird sie Langweilig?
Die Malerei ist ein Dialog zwischen den Farben und mir. Ein Prozess des Verdichtens.
Die Fotografie hingegen ist Akt des Sehens. Ein Moment des Findens.
Die Komposition entsteht in Bruchteilen von Sekunden.
Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke: in der Präzision des Sehens, im Erfassen eines unwiederholbaren Zustands. Jeder dieser Momente existiert nur ein einziges Mal – und wird durch die Fotografie sichtbar gemacht.
Durch die Gegenüberstellung tritt das Wesen beider Medien klarer hervor.
Es geht mir nicht um einen direkten Vergleich ihrer Qualitäten – und doch entsteht er zwangsläufig, wenn Malerei und Fotografie nebeneinander existieren.
Ich war von diesen Fotos jedenfalls so begeistert, dass ich sie unbedingt ausstellen wollte.
Reibung gab es dann beim Prozess, das digitale Bild in eine gedruckte Form zu bringen. Vor ein paar Monaten ließ ich einen ersten Druck hinter Acrylglas anfertigen - und war enttäuscht. Die Farben waren flach, leicht rotstichig und im Vergleich zur Malerei war die Wirkung eher schwach. Für die Ausstellung habe ich einen weiteren Versuch unternommen und die Fotos leicht bearbeitet auf Hartfaserplatten drucken lassen. Jetzt bin ich damit zufrieden.
Die Werkgruppe „Abundance“ wird mein Beitrag für die kommende Ausstellung „Spojeni“ (Deutsch: „Verbunden“) im Mai im Schloss Hořovice in Tschechien mit den Kollegen Eva Čapková und Gotthart Kuppel.
Mit Beginn der Ausstellung wird eine Auswahl der Fotografien auch als Edition auf meiner Webseite zugänglich sein.
Als hochwertige Drucke, die einen anderen Zugang zu Farbe, Zeit und Wahrnehmung eröffnen – und einen sehr spezifischen Moment innerhalb dieses Prozesses festhalten.
