The Brilliant Surprise of Reverse Glass Painting

Hinterglasmalerei: Von hinten gemalt, von vorne brillant

Seit rund 15 Jahren begleitet mich die Hinterglasmalerei in meiner künstlerischen Arbeit.  Mich faszinieren dabei die besondere Brillianz der Farben, die spiegelnde Oberfläche und die besondere Tiefenwirkung. Zudem ist der Entstehungsprozess ungewöhnlich: Ein Hinterglasbild wird in umgekehrter Reihenfolge gemalt.

Ein Auge beginnt nicht mit seiner Form oder Farbe, sondern mit dem winzigen Lichtreflex, der später auf der Iris liegt. Bei einem glänzenden Metallgefäß male ich zuerst die hellsten Spiegelungen. Erst danach folgen die darunterliegenden Farben, Schatten und Strukturen.
Das Bild wächst von vorne nach hinten. Die Arbeit ist zu Beginn sehr kleinteilig und wird im weiteren Verlauf zunehmend flächiger und abstrakter. Die letzte Schicht kann bereits eine große, einheitliche Farbfläche sein.

Trocknen, umdrehen und gegen das Licht halten
Damit die einzelnen Ebenen erhalten bleiben, muss jede Farbschicht gut durchtrocknen. Ist die Farbe noch feucht, wird sie auf dem glatten Untergrund hin- und hergeschoben oder vermischt sich mit Tönen, die getrennt bleiben sollen. Deshalb gehört ein Föhn bei der Hinterglasmalerei ganz selbstverständlich zu meiner Ausstattung.
Gerade helle Glanzpunkte benötigen oft zwei oder drei Schichten, bis sie vollständig decken. Zwischendurch halte ich das Glas gegen das Licht. So werden kleine Lücken sichtbar und ich kann entscheiden, ob noch eine weitere Schicht notwendig ist.

Während des gesamten Prozesses drehe ich die Arbeit immer wieder um. Von der bemalten Rückseite lässt sich die endgültige Wirkung nur schwer beurteilen. Erst von vorne zeigt sich, ob die Farben tatsächlich so zusammenspielen wie beabsichtigt.
So wird jeder Moment, in dem ich das Bild umdrehe, zur Überraschung.

Alte Technik, moderne Anwendung
Die Hinterglasmalerei besitzt in Europa eine lange Tradition. Bekannt ist sie unter anderem aus der Volkskunst, in der häufig religiöse Motive für private Wohnräume entstanden.
Ich habe die Technik vor rund 15 Jahren von einer tschechischen Künstlerin gelernt. Damals arbeiteten wir mit Gouache. Heute bevorzuge ich Acrylfarben, weil sie wasserfest trocknen.
Meine bevorzugten Acrylfarben sind leicht transparent. Dadurch brauchen manche Stellen mehrere Schichten, gleichzeitig entstehen aber Tiefe und eine besondere Farbwirkung.

Durch die glatte, transparente Fläche betrachtet, wirken die Farben klar und intensiv. Sie können ihren Glanz so richtig entfalten, da man nur die pure Farbe sieht. Darin unterscheidet sich ein Hinterglasbild deutlich von einer Arbeit auf Leinwand oder Papier.

Die Transparenz eröffnet außerdem viele Möglichkeiten. Nicht jede Stelle muss vollständig bemalt sein. Hinter dem Glas können gemusterte Papiere, Tapeten oder Spiegel sichtbar bleiben. Auch mehrere hintereinanderliegende bemalte Scheiben sind möglich.

In meinen frühen Hinterglasarbeiten entstanden vor allem Porträts. Dabei reizte es mich, Vorder- und Rückseite einzubeziehen und dadurch eine ungewöhnliche Tiefe zu erzeugen.
Die Möglichkeiten reichen jedoch weit über Porträts hinaus. Auch Landschaften, Stillleben oder abstrakte Arbeiten, eingekratzte Strukturen und Verbindungen mit Blattmetall oder spiegelnden Materialien sind denkbar. Gerade weil das Zusammenspiel von Transparenz, Farbe und verschiedenen Bildebenen so viele Möglichkeiten eröffnet, begleitet mich die Technik bis heute.

Erst denken, dann malen
Ein wichtiger Bestandteil des Prozesses ist das Nachdenken und Planen. Denn was zuerst gemalt wird, kann nicht einfach überdeckt werden.
Kleinere Korrekturen sind möglich, aber aufwendig. Die Farbe muss an der entsprechenden Stelle vorsichtig abgekratzt werden.

Wie ungewohnt diese Arbeitsweise selbst für erfahrene Malerinnen sein kann, zeigte sich in einem meiner ersten Workshops. Meine Mutter, die selbst malt und normalerweise sehr zügig arbeitet, griff für die letzte Farbschicht zu einem festen Borstenpinsel. Dabei löste sie einen Teil der bereits getrockneten Farbe wieder vom Glas und beschädigte dadurch Teile des Motivs 
Seitdem hört sie bei meinen Workshops an den entscheidenden Stellen genauer zu – oder fragt lieber noch einmal nach.

Von Kairo nach Paris
Eine meiner jüngsten Hinterglasarbeiten entstand auf einem Stück Plexiglas. Sie zeigt eine Erinnerung an Ägypten: ein Glas dunkelroter Hibiskustee auf einem vollen Tisch, umgeben von Tellern, Besteck und Zuckertüten auf einer türkisfarbenen Tischdecke.
Die zahlreichen Lichtreflexe, Farbnuancen und Oberflächenstrukturen waren eine spannende Herausforderung.
Die letzten Schichten malte ich weiß – und machte die Rückseite damit zugleich beschreibbar. Denn die Arbeit war für ein Ausstellungsprojekt einer französischen Galerie bestimmt und sollte selbst zum Versandobjekt werden.
Ich schrieb die Adresse der Galerie direkt auf das Plexiglas, klebte Briefmarken darauf und schickte das Kunstwerk wie gewünscht ohne Umschlag nach Paris. Der Postweg wurde auf diese Weise Teil der Arbeit – für mich begleitet von einigem Herzklopfen und der Frage, ob es wohl heil ankäme. 
Es kam gut an, wurde im Sommer in Paris ausgestellt und ging in die Sammlung der Galerie ein.

Selber rückwärts malen
Wer diese besondere Technik einmal selbst ausprobieren möchte, kann sie in einem meiner Workshops kennenlernen. Dort vermittle ich Schritt für Schritt und ganz entspannt den umgekehrten Bildaufbau, aber auch all die kleinen Entscheidungen, die dazu führen, dass aus einzelnen Farbschichten schließlich ein leuchtendes Bild entsteht. Das Ergebnis hat garantiert einen Wow-Effekt.